„Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr.“

Liebes Publikum,

die letzten Monate waren für die Kultur stürmische Zeiten. Wo immer sich nach dem ersten Lockdown eine Möglichkeit geboten hat, verantwortungsvoll Kulturveranstaltungen durchzuführen, hat das Junge Theater versucht diese auch zu ermöglichen:

Beginnend mit dem Open-Air-Veranstaltungswochenende in der Kaiserpfalz im Juli hat der Verein Erfahrungen mit Hygienemaßnahmen gesammelt und das Konzept stets erweitert. Zuletzt wurden auch im Jungen Theater wieder Publikum und Künstler begrüßt, wenn auch bei einem Bruchteil der üblichen Besucherkapazität. Doch auch das ist jetzt vorbei.

Für mich besteht Kultur nicht nur aus dem Geschehen auf der Bühne. Wichtig ist das gemeinschaftliche Erleben, das Verschmelzen von wildfremden Leuten zu EINEM Publikum. Hier kommen Menschen in einem Raum zusammen, die sich im Alltag nie begegnen würden.

Im Theaterbesuch lachen, grübeln oder ärgern wir uns über dieselbe Vorstellung. Wir entdecken Gemeinsamkeiten mit Menschen, mit denen uns scheinbar nichts verbindet. Das kann eine integrative Erfahrung sein.

Ich frage mich, ob es sich unsere Gesellschaft leisten kann, lange auf diese Erfahrung zu verzichten.

Gerade in Zeiten, in denen die Gesellschaft so stark auseinanderzudriften droht wie heute, können gemeinschaftliche Erlebnisse, wie sie der Besuch von kulturellen Angeboten bietet, Balsam für die Seele sein. Man soll es nicht überbewerten: Die Gesellschaft wird nicht daran zugrunde gehen, dass ein Klein(kunst)theater seinen Spielbetrieb vorübergehend einstellen muss.

Man darf die Kultur aber auch nicht als verzichtbaren Luxus darstellen, auf den man im Zweifel eben ohne Weiteres verzichten kann. Denn dieser Verzicht bedeutet nicht nur den Entzug der Lebensgrundlage für die hauptberuflich in der Veranstaltungswirtschaft Beschäftigten, dieser Verzicht hat Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft.

Ich vermisse die Kulturveranstaltungen schon jetzt: Den Gang ins Theater oder ins Konzert. Die Gespräche in der Pause. Den Kneipenbesuch im Anschluss. Die Erinnerungsfetzen in den Wochen danach.

Das Theater umgibt jetzt eine Dornenhecke, und obwohl sich die Gesellschaft an der Spindel gestochen hat, müssen wir versuchen wach zu bleiben. Halten Sie Ihren Geist offen, lassen Sie sich nicht vor irgendjemandes Karren spannen und betonen Sie Gemeinsamkeiten da, wo andere die Spaltung suchen. Unsere Gesellschaft ist stark und hält auch die Beschränkungen, zu denen uns die Pandemie zwingt, aus.

Und eines Tages wird ein Prinz kommen, die Dornenhecke niederreißen und unser Junges Theater Forchheim wachküssen.

Aber falls nicht, haben wir uns sicherheitshalber einen Wecker gestellt.

Spätestens im Januar lohnt es sich nachzusehen, ob sich die Dornenhecke schon lichtet.

Kommen Sie gut durch diese Zeit!

 

Ihr/Euer

Lorenz Deutsch

Künstlerischer Leiter Junges Theater Forchheim e.V.