„Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr.“

Liebes Publikum,

seit Anfang Dezember verdeckt die Dornenhecke das Junge Theater Forchheim. Den Anlass hierfür lieferte der seit März 2020 fast durchgängig stattfindende Dornröschenschlaf der kompletten Kulturszene. Ausgedacht hat sich die Aktion der langjährige Künstlerische Leiter des Theaters Lorenz Deutsch. Dazu schrieb er:

„Das Theater umgibt jetzt eine Dornenhecke, und obwohl sich die Gesellschaft an der Spindel gestochen hat, müssen wir versuchen wach zu bleiben. Halten Sie Ihren Geist offen, lassen Sie sich nicht vor irgendjemandes Karren spannen und betonen Sie Gemeinsamkeiten da, wo andere die Spaltung suchen. Unsere Gesellschaft ist stark und hält auch die Beschränkungen, zu denen uns die Pandemie zwingt, aus. Und eines Tages wird ein Prinz kommen, die Dornenhecke niederreißen und unser Junges Theater Forchheim wachküssen.“

In diesen Zeiten befindet sich nicht nur die Gesellschaft in einem Umbruch. Auch hinter verschlossenen Türen des Theaters steht die Zeit des Wandels nicht still: Lorenz Deutsch wechselte im neuen Jahr in das neugeschaffene Kulturamt der Stadt Forchheim. Mit der Dornenhecke erklärte er zuvor aber noch, was die Kultur überhaupt für ihn bedeutet:

“Gerade in Zeiten, in denen die Gesellschaft so stark auseinanderzudriften droht wie heute, können gemeinschaftliche Erlebnisse, wie sie der Besuch von kulturellen Angeboten bietet, Balsam für die Seele sein. Man soll es nicht überbewerten: Die Gesellschaft wird nicht daran zugrunde gehen, dass ein Klein(kunst)theater seinen Spielbetrieb vorübergehend einstellen muss.Man darf die Kultur aber auch nicht als verzichtbaren Luxus darstellen, auf den man im Zweifel eben ohne Weiteres verzichten kann. Denn dieser Verzicht bedeutet nicht nur den Entzug der Lebensgrundlage für die hauptberuflich in der Veranstaltungswirtschaft Beschäftigten, dieser Verzicht hat Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft.“

Diesen Worten kann ich mich als sein Nachfolger am Jungen Theater Forchheim nur anschließen. Ich kann es selber kaum noch abwarten, Sie wieder im Theater begrüßen zu dürfen. Wir sind schon am Planen, am Grübeln, am Organisieren. Aktuell wissen wir noch nicht, wann es wieder soweit sein wird, aber wir werden vorbereitet sein, wenn unsere Türen für Sie geöffnet werden dürfen: Dann soll jede und jeder von Ihnen was Passendes auf unserer Bühne für sich finden. Denn auch hier bin ich mit meinem Vorgänger einer Meinung:

„Für mich besteht Kultur nicht nur aus dem Geschehen auf der Bühne. Wichtig ist das gemeinschaftliche Erleben, das Verschmelzen von wildfremden Leuten zu EINEM Publikum. Hier kommen Menschen in einem Raum zusammen, die sich im Alltag nie begegnen würden. Im Theaterbesuch lachen, grübeln oder ärgern wir uns über dieselbe Vorstellung. Wir entdecken Gemeinsamkeiten mit Menschen, mit denen uns scheinbar nichts verbindet. Das kann eine integrative Erfahrung sein.“

Wer ist denn aber nun der bereits erwähnte Prinz, der die Dornenhecke eines Tages niederreißen wird? Lassen Sie mich hierfür kurz eine Sache erklären: Der Begriff „Theater“ stammt vom griechischen „theatron“ und bezeichnete im antiken Theater den Sitzbereich für das Publikum. Somit haben die Zuschauerinnen und Zuschauer dem Theater seinen Namen gegeben. Und damit hat sich bis heute nichts geändert: Ohne das Publikum existiert kein Theater.
Für mich gibt es auf die Frage also nur eine einzige Antwort: SIE sind diejenige Person, die das Theater aus dem Dornröschenschlaf befreit, wenn es soweit ist. Haben wir noch etwas Geduld, es wird schon nicht, wie im Märchen, einhundert Jahre dauern. Bleiben Sie bis dahin gesund und halten Sie der Kultur die Treue!

 

Ihr Martin Borowski
Künstlerischer Leiter Junges Theater Forchheim e. V.